Interview Saskia Karges

Hallo zusammen.
Mit Saskia sprechen wir dieses Mal über ihr Buch „Amatea“. Warum schreibt man in der heutigen Zeit noch eine Dystopie? Die Antwort lest ihre Antwort direkt zu Anfang.
Warum schreibt man in heutigen Zeiten überhaupt noch eine Dystopie?
Dystopien dienen seit jeher der Warnung. Diese Warnungen sind gerade heute wieder nötig, weil die Welt, so wie wir sie kennen, dabei ist zu zerbrechen. In fast allen mächtigen Staaten sind mittlerweile Männer an der Macht, deren einziges Ziel die Macht selbst und deren Ausweitung ist. Hätte irgendjemand gedacht, dass Donald Trump gewählt wird, geschweige denn eine zweite Amtszeit bekommt? Der Mann, der erst den Friedensnobelpreis für sich gefordert hat, und dann Grönland bedroht, Venezuela attackiert hat und nun planlos im Iran herumbombt? Würde es mich überraschen, wenn er die Hungerspiele einführt? Nein. Diktatoren und Autokratien kommen in allen Formen und Farben daher. Laut oder leise. Demokratisch oder über einen Putsch. Kein Ansatz ist dabei unrealistisch, selbst eine grüne Solarpunk*-Utopie, die sich in eine Diktatur verwandelt. Großprojekte wie NEOM in Saudi-Arabien sind wieder in Mode, mit denen man sich dann noch zusätzlich ein Denkmal setzt. Deshalb habe ich Amatea geschrieben.
Was ist deine Kerngeschichte, die durch jeweiligen Überarbeitungen herhalten blieb?
Mehr als die Kerngeschichte waren es einzelne Elemente, aber selbst die haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Was schon immer da war, war z.B. die futuristische Stadt. Aber die hat sich im dritten Anlauf zu einer Solarpunkstadt gewandelt. Was auch schon immer drin war, sind die Versuche, die Ruth und ihr Team unter der Erde machen. Selbst die Hauptfigur hat gewechselt. Es sind eher die Szenen im vierten Teil des Buches, die erhalten geblieben sind. Ich habe das Buch, ohne es zu wollen, vom Ende her geschrieben.
Wie kam es, dass du den Text so oft geändert hast?
Vielleicht liegt es daran, dass ich das Buch schon 2008 begonnen habe und in der Zwischenzeit viele neue Erfahrungen gemacht habe. Eigentlich wollte ich Sinas und Lilianas Geschichte erzählen, eine Geschichte von ausgenutzten Frauen in der Wissenschaft. Mit einer Prise Liebesgeschichte. Nur stellte ich dann leider fest, dass mir das so gar nicht liegt und nichts davon ergab Sinn oder ein Ziel wo die Geschichte hinführen sollte. Bis Sina Ruth begegnete. Und Ruth ein Eigenleben entwickelte. Da merkte ich, dass es Ruths Geschichte war, die erzählt werden wollte. Also schrieb ich alles um. Und war unzufrieden. Dann kaufte ich mir Michelle Obamas Biografie „Becoming“ und ab da ergab dann alles einen Sinn. Ich wollte Ruths fiktive Autobiografie schreiben. Und schrieb alles zum dritten Mal um, aber dieses Mal wie in einer Art Flow.
Welcher ist dein liebster Charakter?
Muss ich sagen meine Protagonistin? Ja, natürlich Ruth. Aber auch Colin. Eigentlich waren Kyle und Colin mal dieselbe Person, aber dann merkte ich, dass ich es Colin nicht antun wollte, „böse“ zu werden. Colin ist der Charakter, den ich gerne als Kumpel hätte. Er ist so witzig und cool, aber gleichzeitig zielstrebig und wie ein großer Bruder. Ich hatte so viel Spaß ihn zu schreiben. Wie viele Witze kann man mit dem Namen Ruth machen? Ruth-less…
Dein Buch wurde schon ins Englische verkauft. Wie kam es dazu?
Amatea ist für mich eine internationale Geschichte, nicht auf ein Land beschränkt, selbst wenn die Stadt ihre Wurzeln in Marburg hat. Deshalb habe ich das Buch selbst übersetzt und dann mit einigen amerikanischen Kollegen überarbeitet. Ich bin genau wie bei der deutschen Ausgabe den Weg des Selfpublishings gegangen. Der Buchmarkt ist sowohl in Deutschland als auch in den USA hart umkämpft. Ein Buch wie Amatea, das von vielen als „leise“ und „eindringlich“ beschrieben wird, das ohne Knalleffekte und Spice auskommt, aber dafür mit einer klaren Message, ist von den Verlagen aktuell nicht sonderlich gefragt. Und wenn man als unbekannte Autorin nicht schon 100.000 Follower mitbringt, dann schwinden die Chancen nur so dahin.
Welchen Schreibtipp hättest du gerne zu Beginn deines Projektes gehabt?
Bei Amatea eigentlich keinen, eher bei meinem ersten Roman „Feuerlabyrinth“, der 2016 noch unter einem Pseudonym erschienen ist. Da hätte ich mir gewünscht zu wissen, dass man ein Lektorat auch selbst organisieren kann. Ich hatte es nie in Betracht gezogen, weil ich es untrennbar mit der Verlagsbranche in Verbindung gebracht hatte. Wenn ich etwas mehr Luft habe, wird auch dieses Buch ins Lektorat gehen.
An was arbeitest du aktuell?
Ich habe einen Urban-Fantasy Roman mit Schreibblockade in der Schublade liegen, der zu einem Drittel geschrieben ist. Und eine ziemlich verrückte Roadtripgeschichte mit Umweltbezug die momentan pausiert. Ich schreibe aktuell sehr viel für Onlinejournals wie https://www.resilience.org/ zum Thema Solarpunk, was mir sehr am Herzen liegt. Wir können mit unserem Konsum und Abfall nicht so weiter machen und ich nutze gerade mein Wissen als Chemikerin, um der Industrie Lösungen anzubieten. Auch wenn die Stadt Amatea eine wunderschöne Utopie ist, denke ich wir sollten trotzdem alles daran setzen, uns diesem Ideal anzunähern (ohne Davide natürlich 😉 ). Und das können wir nur gemeinsam mit denen, die die Geldströme dieser Welt in der Hand halten: den Konzernen. Die sind allerdings sehr unkreativ darin, Lösungen für die Probleme zu finden, die sie uns eingebrockt haben. Deswegen nutze ich meine Kreativität dafür. Es ist die logische Fortsetzung von Amatea. Die Recherche zu meinem Buch hat mich gewissermaßen zur Aktivistin gemacht, die ihre Stimme erheben muss. Aber mit dem Finger auf Probleme zu zeigen hat eben noch kein Problem gelöst. Deshalb pausiert das kreative Schreiben momentan ein wenig zugunsten der Wissenschaft.
*Solarpunk ist eine literarische und ästhetische Bewegung, die eine lebenswerte Zukunft entwirft, in der Mensch, Natur und fortschrittliche Technologie (wie Solarenergie) in nachhaltigem Einklang existieren. Solarpunk setzt dabei auf Optimismus, Gemeinschaft und kreative Lösungen für ökologische Probleme. Es ist ein radikaler Entwurf gegen den Weltuntergang, der zeigt, dass eine grüne und gerechte Welt technisch und gesellschaftlich möglich wäre.
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Foto: Saskia Karges (privat)