Interview Gregor Jungheim
Hallo zusammen.
Habt ihr schon einmal etwas vom „Magischen Realismus“ gehört? Nein? Das können wir mit unserem heutigen Interviewpartner ändern.

Wie bist du zu der Anthologie gekommen und was reizt dich am „Magischen Realismus“?
Ich hatte 2020 und 2021 während der Corona-Pandemie wie viele Menschen reichlich Zeit zum Lesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass unter den Neuerscheinungen seit Mitte der 2010er Jahre immer wieder Bücher auftauchten, die anspruchsvolle Themen bearbeiteten und dabei nur minimale fantastische Elemente verwendeten. Ich glaubte daher, eine zweite Welle des Magischen Realismus entdeckt zu haben. Diese Überlegung präsentierte ich zunächst bei einem digitalen Treffen der Science Fiction Gruppe Hannover, wo sie mit großem Interesse aufgenommen wurde. Allerdings waren alle vorgestellten Werke mehr oder weniger dicke Bücher. In der kurzen Form schien diese zweite Welle des Magischen Realismus nicht zu existieren. Unter dem Eindruck meiner Leseerfahrungen entwickelte ich daher eine Art Construction Kit, das es möglich machen sollte, auch Kurzgeschichten in diesem Sub-Genre zu verfassen. Dieses stellte ich zunächst bei einer Silvesterfreizeit im Odenwald vor und verfasste darauf aufbauend selbst die Kurzgeschichte „Rüdiger und der Rote Panda“ (erschienen in: C. de Winter und C. Keßler Beweisstück A – neue Indizien, BoD). Gemeinsam mit der Lateinamerika-affinen Autorin Sabrina Železný richtete ich dann auf dem Metropolcon im Mai 2023 noch einmal einen Workshop dazu aus, den auch das Autorenehepaar Arno und Gabriele Berend mit Spannung verfolgte. Am nächsten Morgen trat Gabi mit der Idee einer Anthologie-Ausschreibung an mich heran, um den Bestand der deutschsprachigen magisch-realistischen Kurzgeschichten deutlich zu erhöhen. Auch wenn Gabi gesundheitsbedingt aus dem Projekt aussteigen musste, ist dieser Plan letztlich aufgegangen.
Im Vorwort schreibst du, dass der „Magische Realismus“ in Lateinamerika Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts seinen Ursprung fand. Welche Komponenten müssen heutige Texte für dich haben, um den ursprünglichen Geschichten gerecht zu werden?
Die Alten Meister wie Alejo Carpentier, Gabriel García Márquez, Miguel Ángel Asturias oder Isabel Allende haben in ihre Werke die Mythen ihres Landes, die Erfahrungen mit Imperialismus und selbst erlebte Verfolgung einfließen lassen. Einen solchen Hintergrund hatte von allen teilnehmenden Autorinnen und Autoren nur Juan Tramontina, der mit seiner auf Kuba angesiedelten Geschichte „Die alte Ceiba“
tatsächlich eine Brücke zu den Alten Meistern geschlagen hat.
Dagegen kommen mitteleuropäisch sozialisierte Literaturschaffende aus einer ganz anderen Erfahrungswelt und können nicht eins-zu-eins an diese Tradition anknüpfen. Entsprechend waren die Klassiker des Magischen Realismus wie Hundert Jahre Einsamkeit oder Das Geisterhaus auch nie meine Messlatte für die Auswahl der Geschichten.
Eine Gemeinsamkeit mit den Lateinamerikanern gab es allerdings schon: den Mut.
Ich suchte Erzählungen, die es ebenfalls wagten, die heißen Eisen ihrer Zeit anzupacken und gesellschaftliche Konventionen auch einmal infrage zu stellen.
Deshalb sind alle Texte, die in Richtung Romantasy gingen oder sich nur um die Bestätigung gesellschaftlicher Konventionen bemüht haben, sehr bald rausgeflogen, weil mir genau dieses Element gefehlt hat.
Welche heißen Eisen enthalten denn die Geschichten, die es letztlich in die Anthologie geschafft haben?
Es gibt tatsächlich eine Fülle von Themen, mit denen sich die Autorinnen und Autoren beschäftigen. Kai Focke und Nikolaus Schwarz haben uns einiges zum Thema Kindererziehung zu sagen, in Michael Schwendingers „Lehm unter den Nägeln“ geht es um Mobbing, Lia Violisti präsentiert mit „Lotte und ich“ einen ungewöhnlichen Blick auf Migration und Staatsangehörigkeit, Carolin Lüders und Tom J. Forrester hat es die Kapitalismuskritik angetan, Michael Johannes B. Lange bietet uns mit „Leben mit Harrods“ eine pazifistische Geschichte an, bei Iris Rönnau geht es in „Bin ich von allen bösen Spindeln gestochen“ um soziale Phobien, beim „Hässlichen Kurt“ von Beatrice Sonntag um Panikattacken, Ella Dombrowski setzt sich in „Die Opferung der Iphigenie“ mit der Macht von Influencern auseinander, Emmy Herzig in „Paperbirds“ mit der Verantwortung für Unglücksfälle, und Lukas Beckmann behandelt in „Der Sammler“ das Thema Demenz. Überrascht hat mich auch „Königin für ein Jahr“, eine feministische Geschichte, bei der ich feststellte, dass sie von einem Mann verfasst war – dem schweizerischen Pfarrer Emanuel Memminger. Wer immer noch glaubt, dass Fantastik Trivialliteratur ist, kennt diese Anthologie nicht.
Welche drei Zutaten braucht in deinen Augen eine Geschichte, um als „Magischen Realismus“ zu gelten?
Persönlich hatte ich mir folgendes Rezept überlegt: Eine Erzählung, die ein drängendes gesellschaftliches Problem behandelt, dabei keinen Schrecken ausspart und sparsam mit fantastischen Elementen angereichert wird, um ein Thema mit großer Leichtigkeit zu bearbeiten, das sonst schwer im Magen liegen würde. Die Teilnehmenden der Anthologie haben mir dann aber gezeigt, dass es auch ganz andere Möglichkeiten gibt, um magisch-realistische Geschichten zu erzählen. Einige versuchten sich an winzigen, wie mit dem Rasiermesser gezogenen Rissen in der Realität, andere an surrealen Szenarien, wieder andere an Welten, die nur eine leicht überzeichnete Version unserer eigenen Wirklichkeit darstellen.
Du schreibst ebenfalls im Vorwort, dass es einen zweiten Band geben wird. Wie unterscheiden sich die Texte in Band 1 und 2 voneinander?
Der erste Band enthält Magischen Realismus im engeren Sinn, also Geschichten, welche gesellschaftspolitische Themen bearbeiten und/oder die erzählerischen Möglichkeiten dieses Sub-Genres ausschöpfen. Im zweiten Band finden sich dann etliche Texte, die mir eine düstere Variante des Magischen Realismus angeboten haben und in Richtung Schauergeschichte gingen. Auch waren überlappende Realitäten ein Thema, das es vielen Teilnehmenden angetan hat. Schließlich kann ich im zweiten Teil einigen Geschichten ein Forum bieten, die zwar Themenverfehlungen, aber in der Sache hervorragende Texte waren. Insgesamt wird ein Erzählungsband herauskommen, der insbesondere Fans der Twilight Zone gefallen dürfte.
Welche Bücher hast du zur Einstimmung in den „Magischen Realismus“ gelesen?
Gerade weil die zweite Welle des Magischen Realismus noch ein Geheimtipp ist und kein Massentrend, an dem jeder verdienen will, sind die meisten Veröffentlichungen in diesem Bereich von erlesener Qualität. Es wäre daher sehr unfair, eine Hand voll Bücher gegenüber anderen Titeln hervorzuheben.
Für die Ausschreibung existiert eine eigene Website, auf der wir im Herbst 2023 zahlreiche Beispiele aufgelistet haben (Beispiele – DER NEUE MAGISCHE REALISMUS). Inzwischen sind natürlich noch einige Neuerscheinungen hinzugekommen.
Der ein oder andere Roman mag Schwächen haben, ein wirklicher Griff ins Klo ist mir aber in dem Bereich noch nicht untergekommen. Dieses Prädikat würde ich höchstens an die Kommunikation eines namhaften deutschen Verlags vergeben, bei dem ich mich erfolglos bemüht habe, einen seiner Autoren für die Teilnahme an einer digitalen Literaturrunde zu gewinnen.
Hast du bereits ein weiteres Projekt geplant?
Das gesamte Jahr 2026 wird von Lesungen und der Arbeit am zweiten Band des Projektes geprägt sein. Wer ab 2027 Interesse hat, Magischen Realismus zu veröffentlichen, der sich auch an unbequeme Themen herantraut und etwas länger ist als die meisten Magazingeschichten, kann sich gerne bei mir melden. Ideen hätte ich.
Ihr wollt mehr über Gregor wissen oder auf dem Laufenden bleiben? Dann folgt ihr hier:
Webseite: https://de.wikipedia.org/wiki/Gregor_Jungheim
Foto: Gregor Jungheim (privat)